Mehr als umhauen kann es mich nicht – gelassen durch die Krise

Gerade hatte ich meine Texte über liebevolle Selbstannahme geschrieben, da servierte mir mein Leben die Meisterprüfung.
Mithilfe eines zentralen Gedankens habe ich sie bestanden.

Gerade hatte ich meine Texte über liebevolle Selbstannahme geschrieben, da servierte mir mein Leben die Meisterprüfung.

Ich bin seit drei Wochen nicht zum Schreiben gekommen, weil ich so richtig im Quark sitze. Mit freundlichem Gruß an die Depression. Und das Leben geht weiter. Mit mir. Weil mir ein sehr hilfreicher Gedanke kam, der innerhalb von 24 Stunden die große Katastrophe in eine bewältigbare Herausforderung verwandelt hat:

Mehr als umhauen kann es mich nicht.

Aber von vorne.

Es kamen zwei riesige Baustellen in verschiedenen Lebensbereichen zusammen. Dazu zwei Menschen im Freundeskreis, zu denen ich in engem Kontakt stehe, mit ebenfalls riesigen Baustellen. Und zwei weitere mit andauernden Großbaustellen. Daneben der übliche alltägliche Wahnsinn des Lebens. 😉 Und weil das noch nicht reicht, steckte mein Verlängerungsantrag für die Psychotherapie in der bürokratischen Warteschleife. Wochen-, nein, monatelang. Wäre ja auch zu einfach, in der härtesten Zeit einfache Unterstützung zu haben. Ach, und dann sind da ja auch noch die Depressionen…

Riesige Baustelle heißt: alltagsverändernd, möglicherweise lebenslang. Genauer möchte ich das gar nicht ausführen, nicht zuletzt, weil es kaum eine Rolle spielt. Denn auch was sich ’nur‘ subjektiv schlimm anfühlt, ist eben erstmal schlimm. Aber das ist ein eigenes Thema.

Jedenfalls kam viel zusammen, gefühlt zu viel. Drei freie Tage brachten keine Besserung und als ich das lange geplante und herbeigesehnte Wochenende komplett absagen musste, kam die Verzweiflung vorbei: Was sagen meine Tanzpartner, die gerade für die neuen Kurse bezahlt haben, wenn ich nun ausfalle? Was ist mit dem Bekannten, dem ich versprochen habe, ihn bei der Abiturvorbereitung zu unterstützen? Und wie um alles in der Welt bekomme ich mein Laub gefegt (nein, verdammt, das geht eben nicht „mal eben“!)?
Ok, ich sollte mich beim nächsten Mal so früh wie möglich um einen Klinikaufenthalt kümmern, also wohl jetzt. Die Vorstellung, evtl. über Weihnachten in einer Klinik zu verbringen, weit weg von jedem, der mich besuchen könnte, war nicht besonders hilfreich. Ebenso wenig der Depressionen-Schnelltest auf der Klinikhomepage. Ich hatte schon im Zweifelsfall immer die schwächere Antwort gegeben, trotzdem: Schwere Depressionen.
Wenn ich ehrlich bin, hätte ich das vorher wissen können, ich wollte es bloß nicht sehen. Und nun?

Die Meisterprüfung in liebevoller Selbstannahme

Tja, dann ist das jetzt eben so. Ich stecke mitten in den schönsten Depressionen und gerade geht überhaupt nichts. Machen ebenso wenig wie Schlafen. Na und? Was soll schon passieren?

Mehr als umhauen kann das Ganze mich doch nicht.

Und im Liegen klappt Erholen sogar viel besser. 😉 Panik hilft mir auch nicht weiter. Aber die Werkzeuge auszupacken, die ich in der Vergangenheit zusammengesammelt und erfolgreich getestet habe. Also los:

1. Vertrauen in mich selbst

Ich kann inzwischen recht sicher einschätzen, wie weit meine Kräfte reichen. Wenn ich also das Tanzen und Abi-Vorbereiten zugesagt habe, dann stehen die Chancen sehr gut, dass ich das auch schaffe. Nur eben diese Woche nicht. Wenn jetzt Absagen dran ist, ist das eben so, das geht auch wieder vorbei. Ohne Druck noch schneller.

2. Liebevolles Verständnis

Selbst wenn ich es nicht schaffen sollte: Ich habe besten Wissens und Gewissens zugesagt. Dass sich die Situation geändert hat, habe ich nicht geplant oder gewollt. Also habe ich mir nichts vorzuwerfen – das würde niemandem helfen.

3. Das Beste daraus machen

Ich kann ehrlich zu den Betroffenen sein – so mache ich es zumindest nicht noch schlimmer. Lieber sage ich das Lern-Treffen ab, als unkonzentriert Mist zu erzählen.
Meinem Tanzpartner kann ich zumindest ein freies Wochenende bescheren, statt nach der ersten halben Stunde Training körperlich oder mental zusammenzubrechen.

4. Um Hilfe bitten und Hilfe annehmen

Im Zweifelsfall kann ich einen Bekannten bitten, die Abiturvorbereitung zu unterstützen.
Als ich meinen Nachbarn beim Laubpusten sah, bin ich unter Tränen raus zu ihm. Es ist mir unglaublich schwergefallen, ihn zu fragen, ob er das für mich mit machen würde. Schließlich kann ich mich in absehbarer Zeit nicht revanchieren und er ist um die 70… Aber: Ich habe gefragt!
Außerdem habe ich beim Psychiater nicht erst wochenlang auf einen Termin warten müssen, sondern wurde nach einer Woche zwischengeschoben, um eine Einweisung zu bekommen.

5. Das Außen ist mein Spiegel

Ich habe in der verzweifelten Nacht nach dem Testergebnis einer Reihe von Freunden geschrieben, wie es mir gerade geht. Resonanz: Keine. Gar keine.
Statt noch mehr zu verzweifeln, habe ich mich daran erinnert, dass hier nur ein Spiegeln stattfindet: Die Tatsache, dass ich richtig dick in der Depression sitze, hatte ich ja bis zu dem Moment selbst völlig ignoriert.

Und tatsächlich: Mit jedem Schritt in die Annahme wuchs auch die äußere Resonanz:
Der Nachbar kümmert sich nicht nur um mein Laub, ich soll mich auch jederzeit melden, wenn ich Hilfe zum Einkaufen brauche. Dann fährt er mich. Extra. Nicht nur, wenn er sowieso selbst los muss.
Mein Tanzpartner war zwar enttäuscht über das abgesagte Trainingswochenende, hat mich stattdessen aber zum Kaffeetrinken eingeladen. Wir hatten ein langes, tolles Gespräch.
Bei einer Nachbarin war ich am nächsten Abend zu Besuch, ein Freund kam am folgenden Tag, eine Freundin rief an, zwei andere schrieben.
Und viele, viele Bekannte fragen, wie es mir geht und was es mit den Terminen auf sich hat. So viel ehrliches Interesse habe ich selten erlebt.

Danke Euch allen! ❤

 

Wenn das die Meisterprüfung in liebevoller Selbstannahme war, kann ich heute sagen: Ich habe bestanden.

Ja, kurzfristig hat die Geschichte mich umgehauen. Ich schlafe und esse noch nicht wieder normal, brauche in manchem Unterstützung und habe heute und morgen zwei heftige Termine vor mir, von denen der eine hoffentlich mein größtes Drama der letzten 14 Jahre endlich zur Ruhe kommen lässt, aber auch eine extreme Weiche für den Rest meines Lebens stellt. Auf den anderen würde wohl jeder lieber verzichten…

Aber ich weiß, dass ich auch das überstehen werde. Warum auch nicht? Nach dem Wochenende stand ich wieder auf beiden Beinen und halte seitdem meine Termine ein. Erschöpft, aber erfolgreich. Schlimmstenfalls haut es mich eben noch mal um, na und? Dann stehe ich eben wieder auf, sobald es Zeit ist.

Das ist Leben. Und ich bin mittendrin.

Und dafür bin ich unendlich dankbar. Denn es ist das erste Mal, dass ich das so entspannt sehen kann. Und mich nicht allein fühle, weil ich mein Umfeld nicht mehr ausschließe.

Und dabei ist es eigentlich so einfach:

Erlaubst Du Dir, dass es Dich auch mal umhauen darf?

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