„Gut gemeint“ – Energieverschwendung für alle

Es hat mich mal wieder erwischt. Das Gut-Meinen ist mit mir durchgegangen – und hat am Ende alles noch schlimmer gemacht.

Dabei könnte es doch so einfach sein.

Es hat mich mal wieder erwischt. Das Gut-Meinen ist mit mir durchgegangen – und hat am Ende alles noch schlimmer gemacht.

Dabei habe ich doch erst vor einigen Wochen das Extrem von der anderen Seite erlebt:
Eine Bekannte meinte es gut. So gut, dass sie ein ganzes Wochenende lang bei ihrem Freund aufgeräumt und geputzt hat. Leider war ihr Aktionismus größer als die Effektivität, und am Ende waren alle genervt. Und wie! Weder war es wirklich sauberer als vorher, noch war das Wochenende gemütlich, noch war ihr irgendwer so richtig dankbar für das, was sie da erledigt hat. Ist halt schwierig, sich über das Feudeln (norddeutsch für: den Boden feucht wischen) des Badezimmers zu freuen, wenn Du noch im Schlafanzug in der Küche sitzt und offensichtlich gleich duschen willst. Oder wenn die Waschmaschine läuft, aber ohne Deinen Pulli in der gleichen Farbe… Und wer arbeitet umgekehrt schon gern für andere, wenn so gar keine Begeisterung zurück kommt?

Ich selbst schaffe sowas eher gedanklich als tatkräftig, aber das macht es leider auch nicht besser. Mein ‚Meisterwerk‘ war ein Gespräch vor ein paar Jahren, bei dem sich das Gut-Meinen ins totale Gegenteil verkehrt hat: Ich wollte jemandem sagen, dass mir sein Verhalten in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe nicht passte. Unbedingt ohne Vorwurf, denn ich war mir sicher, dass er es nicht böse meinte. Und das Projekt war ja noch längst nicht abgeschlossen. Leider habe ich mir so lange Gedanken gemacht und an der Mail herumformuliert, bis sie selbst für Menschen, die mich gut kennen, nach Angriff klang. Da war das Drama dann noch größer, auch und gerade für mich selbst.

Und nun hatte ich eine enttäuschende Nachricht zu überbringen. Im Nachhinein kann ich nur den Kopf über mich schütteln. Viel ätzender hätte ich das für beide Seiten gar nicht gestalten können. Dabei war es doch so gut gemeint?

Genau das Gut-Meinen ist das Problem.

Mittendrin in der Situation und in den Gedanken dazu ist das gar nicht zu erkennen. Ich möchte es für einen anderen so gut wie möglich machen. Das kann doch nicht falsch sein? Ist es auch nicht. Allerdings funktioniert es auch nicht.
Wer kennt nicht die Klischee-Schwiegermutter? Die meint es ganz besonders gut! Und geht damit ganz besonders auf die Nerven… Aber warum eigentlich?

Wer es gut meint, ist gedanklich beim anderen.

In meinen eigenen Gedanken werde ich aber nie die richtige Antwort finden, was der andere wirklich möchte, denkt oder gar fühlt. Im Extremfall weiß er oder sie es sogar selbst nicht. Wie sollte ich es dann wissen können?

Dabei schließe ich von mir auf den anderen.

Wie könnte ich auch anders? Aber wann tickt der andere schon genau wie ich? Trotzdem erzeuge ich doppelten Erwartungsdruck: Ich muss beachten, was für den anderen wichtig ist. Und der hat sich bitteschön darüber zu freuen. Zu merken, was ich da für ihn tue, wie viele Gedanken ich mir gemacht habe – und dankbar zu sein! Gefälligst! Kein Wunder, dass das anstrengend ist. Für beide Seiten. Besonders dann, wenn es schief geht.

 

Eine bessere Idee

Aber was heißt das nun? Gar nicht mehr über den anderen nachzudenken oder ihm lieber nichts Gutes mehr tun zu wollen, kann doch kaum die Lösung sein. Aber was dann?

Klarheit

Ich kann mir überlegen, worum ganz genau es mir selbst eigentlich gerade geht.

Wer weiß, was er wirklich will, macht es gut!

Jedenfalls so gut, wie es überhaupt geht.
Dann brauche ich kein Gut-Meinen mehr:
Wenn ich eine saubere Küche will, mache ich sie sauber – und brauche keinen Dank mehr.
Wenn ich mehr Zeit mit meinem Partner verbringen will, frage ich ihn, ob ich etwas für ihn erledigen kann – oder mache es mit ihm gemeinsam.
Wenn ich jemandem eine Freude machen will, kann ich beachten oder fragen, was für ihn gut ist.
Wenn ich etwas mitteilen möchte, ohne anzugreifen oder zu enttäuschen, kann ich genau das sagen.

Klingt ganz einfach. Vor allem im Nachhinein. Aber warum machen das dann nicht alle immer so?
Mir fällt dazu nur eine Antwort ein: Weil es dann gar nicht um die Sache selbst geht. Sondern um den Beweis, dass ich gut meine, was vermeintlich nicht gut ankommt.
Aber wem und warum muss ich das beweisen? Worum geht es da wirklich?
Mein Verdacht:

Die Angst, nicht zu genügen

Was, wenn mein Partner gar nicht mehr Zeit mit mir verbringen möchte? Oder mir eine Aufgabe gibt, zu der ich keine Lust habe? Oder gar keine Hilfe möchte, sodass ich mich überflüssig fühle?
Was, wenn das Paar gar nicht gut findet, was die Schwiegermutter für sie vorschlägt?
Was, wenn mein Gegenüber enttäuscht oder sauer auf meine Nachricht reagiert?

Ist es nicht das, was ich vermeiden möchte? Dass es jemandem wehtut? Und dass ich mich gezwungen fühle, darauf zu reagieren, während ich mich hilflos fühle?
Aber ganz ehrlich: Wenn es überhaupt so sein sollte, dann ist es eben so. Egal, ob ich mich traue hinzugucken oder nicht! Und erst recht, wenn ich dann auch noch einen Riesenwirbel darum veranstalte, den der andere nicht mehr einfach als unangenehm abhaken kann. Stattdessen zwinge ich ihn, sich auch noch ausführlich damit auseinanderzusetzen. Und dabei versteht er noch weniger als ich, warum eigentlich. Ganz schön kontraproduktiv, oder?

Also ist Gut-Meinen tatsächlich Energieverschwendung.

Und der Mut zur Klarheit lohnt sich in jedem Fall.

PS: Weißt Du was, liebe Angst?

Ich muss gar nicht perfekt sein.

Und wenn ich feststellen sollte, dass mein Partner, meine Beziehung oder meine Schwiegertochter anders sind, als ich dachte, dann ist das keine Katastrophe, sondern das Leben.

Und dass ein anderer Mensch durch meine Entscheidung oder mein Verhalten unangenehm berührt wird, gehört leider auch zum Leben. Das macht aus mir keinen schlechten Menschen. Aber es unbedingt vermeiden zu wollen, einen Verzweifelten.

Dabei kann es doch so einfach sein:

Ich mache, was ich wirklich will. Dann ist gut.

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